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 1. Weltkrieg
Waldi44 Offline




Beiträge: 500

04.10.2013 16:36
RE: Dem Ende entgegen - Teil 3 antworten

Zur Erinnerung*:
Der Reichskanzler stellte zu Beginn der Sitzung des Kriegskabinetts am 17. Oktober an Ludendorff zwei Fragen. Die erste wurde im vorigen Beitrag durch die Antworten einiger der anwesenden Herren
beantwortet. Nun folgen die Antworten auf die zweite Frage, die da lautete: "Die zweite Frage geht dahin, ob durch stärkere Zuführung von Truppenmaterial aus der Heimat erreicht werden kann, daß
die Armee eine Kräftigung zum weiteren Durchhalten erfährt."
Nach der Aufforderung durch den Reichskanzler begann der Kriegsmenister Scheüch** seinen Vortrag.
"Es kommen zwei Maßnahmen in Betracht. Die normale allgemeine Ergänzung oder eine starke einmalige, unter Beeinträchtigung der Normalen. Für die erste Maßnahme gilt folgendes: Der normale
Nachschub an Ersatz für das Feldheer ergibt nach den neuesten Berechnungen......monatlich 190.000 Mann. Sie können gestellt werden ohne sehr fühlbare Eingriffe in die Heimatwirtschaft.....
Soll das Heer einen einmaligen starken Nachschub erhalten so berechne ich den auf rund 600.000 Mann.....
In diesem Falle würde der Eingriff schon fühlbar werden. Ich glaube nicht, daß eine erhebliche Minderproduktion an Kriegsgerät eintreten würde, aber die Heimatwirtschaft würde gestört (Also
schon damals Kanonen statt Butter -obwohl; Butter gab es ja sowieso kaum!)....."
Er weist noch auf eine "stille Reserve" an zT. ausgebildeten Soldaten von insgesamt 87.000 Mann hin.
"Nun ist aber zu bedenken;" fährt er fort "Wenn wir dir 600.000 in die Front hinein bekommen, ist weiterer Ersatz nötig (Soldaten fallen oder erkranken ja schließlich). Dann können wir im Monat
nicht mehr rund 190.000, sondern nur noch rund 100.000 Mann für das nächste halbe Jahr sicherstellen. Den weiteren Ersatz bis zum Herbst 1919 (!) könne man dann wieder 150.000 Monatlich
anschlagen, wenn der Jahrgang 1901 früher eingestellt würde. Das Reservoire des nächsten Jahres (1919)wäre also gegen Ende September erschöpft."
Ludendorff zeigte sich verhalten begeistert und führte aus: "Ich bin unbedingt für den zweiten Fall. (..."einmaligen starken Nachschub..") Hätten wir diese günstigen Zahlen schon jetzt gehabt
(eigentlich meinte er VOR bzw. ZUR Michaeloffensive), so hätten wir die Krise an der Westfront nicht bekommen (weil siegreich)."
Für den Fall, dass er diesen Ersatz bekam sah er "...vertrauensvoll....(und) wieder hoffnungsfreudig...in die Zukunft."
Nachdem Ludendorff ein verhalten düsteres Bild von der gegenwärtigen Lage an der Front gezeichnet hatte und einerseits das Fehlen DIESER Reserven bedauerte und gleichzeitig eben
"hoffnungsfreudig" auf diese blickte resümierte der Kriegsminister: "Wenn ich Exzellenz Ludendorff recht verstehe, so sagt er: erhalten wir den einmaligen Zuwachs, so wird sich die Lage
wesentlich verändern."
Ludendorff antwortete darauf "Ja"
Kriegsminister Scheüch: " Ist dabei bedacht, daß die Amerikaner immer noch mehr Ergänzung bekommen wie wir?"
Ludendorff: "Man darf die Amerikaner nicht überschätzen (!)..."
Damit war dieses Thema erledigt.
Die weiteren Erörterungen betrafen nur Randprobleme, wie die Schnelligkeit der Einberufungen und deren Transport. Wobei das Transportproblem noch das größte war. Allerdings kam man auch schnell
wieder auf die Moral der Truppe zu sprechen und ich zitiere mal einen Staatssekretär, nämlich Philipp Scheidemann.***
Scheideman: "Ich glaube gern, daß man noch Hunderttausende für das Heer mobil machen kann, aber man täuscht sich, wenn man glaubt, daß diese Hunderttausende die Stimmung im Heer verbessern
würden. Das Gegenteil ist meine feste Überzeugung...."
Scheidemann sprach von der Wechselseitigkeit der Nachrichten. Schlechte Nachrichten von der Front an die Heimat und schlechte Nachrichten aus den Heimat an die Front. Die Feindpropaganda tat ihr
übriges.
Abschließend fügt er hinzu: "Die Arbeiter kommen mehr und mehr dazu, zu sagen, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."
Worauf Ludendorff wohl etwas naiv fragte: "Wird es eurer Exzellenz nicht gelingen, die Stimmung in der Masse zu heben?"
Worauf seine Exzellenz der Herr Staatssekretär Scheidemann antwortete: "Das ist eine Kartoffelfrage. Fleisch haben wir nicht...."
Nun appellierte Ludendorff direkt an die SPD und brachte Friedrich Ebert**** ins Spiel: " ... Es fragt sich nur; wie schaffen wir's (den Stimmungsumschwung in der Bevölkerung)? Da kann ich nur
die Bitte wiederholen: Packen Sie das Volk. Reißen sie es hoch. Kann das nicht der Herr Ebert tun? Es muß gelingen."
Interessant übrigens, dass die "Kartoffelfrage" an der Transportfrage scheiterte, denn: "...weil uns jeden Tag 4.000 Wagen (Eisenbahnwaggons) fehlen.
Abschließend fasste man folgendes zusammen: Man müsse dem deutschen Volk klar machen, was die vierzehn Punkte Wilsons durch die gestellten Vorbedingungen tatsächlich bedeuteten. Man müsse die
Moral der Heimat und der Front heben und Ludendorff fasste für alle zusammen: "...Wenn die Armee über die nächsten vier Wochen hinüberkommt und es in den Winter geht, so sind wir fein heraus."
Wir schreiben den 17. Oktober 1918. Vier Wochen wollte Ludendorff aber er bekam nur eine! Am 24. Oktober 1918 gab die Marineleitung den aberwitzigen Befehl zum Angriff auf die britische Flotte
und somit das Startsignal für die Revolution, die am 9. November 1918 zur Ausrufung der Republik durch eben jenen Scheidemann führte, der von Anfang an Zweifel gehegt hatte.
Die Meuterei der Matrosen werde ich in einem anderen Kapitel behandeln.
Nun kann man sich das mit der "Dolchstoßlegende" anhand der Fakten noch einmal durch den Kopf gehen lassen.
Zu den "Fakten" gehört auch noch folgendes:
Oberst Heye*****:"Die Westfront zählt jetzt 191 Divisionen, davon 4 Österreicher und 7 aus dem Osten. Sie sind sehr verschieden an Stärke (Die Moral wird dabei außen vor gelassen). 28 Divisionen
haben nur Bataillonsstärke von ungefähr 200 bis 300 Mann (gemeint ist damit die Kampfstärke). Die übrigen stehen sich ungefähr auf 400 bis 500."
Ludendorff darauf:" Hätten wir da vollkräftige Bataillone, so wäre die Lage gerettet."
Oberst Heye führt zu den Truppen des Gegners aus: "Vorige Woche hatten die Franzosen 40, die Engländer 25, die Amerikaner 18, die Italiener 1......, im Ganzen 87 Divisionen Reserven von der
Gesamtstärke von 220 Divisionen."
Französische und englische Divisionen waren ähnlich geschwächt wie die deutschen Divisionen. Die amerikanischen hingegen fast voll!
Auf die Frage des Reichskanzlers, wie viele Amerikaner ankämen, antwortete Oberst Heye: "Die amerikanische(!) Heeresleitung berechnet die Truppenzahl jetzt auf 1.200.000, für das nächste
Frühjahr rechnen sie mit 2.300.000 Kämpfern."
Des weiteren gehörte zu den Fakten, dass Deutschlands Verbündete zusammenbrachen und damit die Versorgung mit rumänischem Öl gefährdet war. Auf eine entsprechend Frage des Reichskanzlers
antwortete Kriegsmenister Scheüch: "....Wenn Rumänien uns nicht mehr zur Verfügung steht, können wir den Krieg noch anderthalb Monate weiterführen." Dabei war aber die Marine nicht inbegriffen,
da Scheüch die im zugesandten Zahlen noch nicht auswerten konnte. Auch wies er darauf hin, dass der Wegfall des rumänischen Öls sich auch auf zivile Sektoren auswirken würde. Minimum 10.000
Tonnen monatlich wurden gebraucht.
Admiral Scheer zur Ölversorgung der Marine: "Bisher hat die Marine ihre Bestände selbst verwaltet. Erfolg: Wir können den U-Bootkrieg noch acht Monate durchführen, auch ohne rumänisches Öl."
Allerdings räumte er ein, dass das Öl ab sofort gleichmäßiger auf Heer und Marine verteilt werden müsse. Zumal, das sagte er natürlich nicht, damals ein Spottvers die Runde machte: "Lieb
Vaterland magst ruhig sein, die Flotte schläft im Hafen ein!"
Admiral Scheer betonte nochmals, dass man auf Wilsons Forderung nach Einstellung den U-Bootkrieges nicht eingehen solle, sondern stattdessen den U-Bootbau verstärken sollte. Dazu benötigte er
sofort 15 - 16.000 zusätzliche Werftarbeiter um den monatlichen Ausstoß auf 10 - 16 Boote zu steigern und bis zum Sommer des nächsten Jahres dann 40.000.




* Ich zitiere weitestgehend wörtlich aus "Erinnerungen und Dokumente", Prinz Max von Baden. Wörtlich übernommene Zitate sind durch "" gekennzeichnet und Auslassungen von mir durch "....", Einlassungen durch ().
** Heinrich Schëuch (* 21. Juni 1864 in Schlettstadt; † 3. September 1946 in Bad Kissingen) war ein deutscher Offizier, zuletzt General der Infanterie sowie 1918/1919 preußischer Kriegsminister.
*** Philipp Heinrich Scheidemann (* 26. Juli 1865 in Kassel; † 29. November 1939 in Kopenhagen) war ein deutscher sozialdemokratischer Politiker und Publizist.
9. November 1918 verkündete Scheidemann von einem Balkon des Reichstagsgebäudes aus den Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs und proklamierte die Deutsche Republik. 1919 wurde er von der in
Weimar tagenden Nationalversammlung zum Reichsministerpräsidenten gewählt.
**** Friedrich Ebert (* 4. Februar 1871 in Heidelberg; † 28. Februar 1925 in Berlin) war ein deutscher Sozialdemokrat und Politiker. Er war seit 1913 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands und amtierte von 1919 bis zu seinem Tode als erster Reichspräsident der Weimarer Republik.
*****August Wilhelm Heye (* 31. Januar 1869 in Fulda; † 11. März 1947 in Braunlage) war ein deutscher Offizier, zuletzt Generaloberst und Chef der Heeresleitung in der Weimarer Republik.

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