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 Ostfront
Waldi44 Offline




Beiträge: 493

06.12.2016 14:00
Wer gewann die Schlacht bei Tannenberg? antworten

Eine alte Weisheit besagt, dass ein Sieg viele Väter hat. Was auch stimmt. Manchmal nur, weil viele "Köche" ihn für sich beanspruchen oder weil sie meinen einen bedeutenden Anteil dazu beigetragen zu haben oder weil dem tatsächlich so war. Mitunter aber heften sich auch die Falschen den Lorbeer an und alle anderen gehen leer aus. Die Schlacht von Tannenberg ist so ein typischer Fall.
Diese Schlacht und ihr erfolgreicher Ausgang ist unzertrennlich mit den Namen Hindenburg und Ludendorff verbunden. Hindenburg, der greise Sieger von Tannenberg und sein Stabschef Ludendorff.
In Bezug auf die Rolle dieser beiden ist sich die neuere Geschichtsforschung zum Thema 1. Weltkrieg weitestgehend einig. Der greise reaktivierte Hindenburg war der Oberbefehlshaber zum abnicken und der wesentlich jüngere Ludendorff der aktive Macher, der Schlachtenlenker.
Der Schlieffenplan, der einzige den man hatte, sah einen schnellen Sieg im Westen vor und einen hinhaltenden Kampf im Osten, bis das im Westen siegreiche Heer an der Ostfront erscheinen konnte. Ein größeres Problem sah man darin nicht, denn man unterschätzte den Kampfeifer der Russen und deren Mobilisierungstempo. Da sie schon recht frühzeitig mit der Teilmobilisierung (29. Juli 1914) und anschließender Vollmobilmachung begannen, wenn auch offiziell nur gegen Österreich-Ungarn, hatten sie gleich zu Kriegsbeginn immerhin gegen Deutschland zwei Armeen zur Verfügung, die sie auch einzusetzen gedachten.
Es waren die nördlichere Njeman Armee unter General Alexander Wassiljewitsch Samsonow und die weiter südlich stehende Narewarmee unter General Rennenkampff. Der Verlauf dieser Schlacht kann in diversen Publikationen nachgelesen werden und soll hier nicht Bestandteil meiner Betrachtungen sein. Vielmehr geht es mir um die Feststellung, wer denn nun diese Schlacht tatsächlich gewonnen hat. Waren Hindenburg und Ludendorf tatsächlich die alles und alle überstrahlenden Sieger der Schlacht von Tannenberg, die übrigens erst auf Wunsch Hindenburgs von Schlacht bei Allenstein in Schlacht von Tannenberg* umbenannt wurde?
Dazu bedarf es einiger Vorworte. Der erste große Lapsus der den Russen unterlief, war die Ernennung zweier Totfeinde zu Befehlshabern zweier unmittelbar nebeneinander operierender und sich unterstützender Armeen. Seit dem Russisch Japanischen Krieg waren sich beide bis aufs Blut Todfeinde und keiner gönnte dem anderen einen Sieg über was oder über wen auch immer! Gegenseitige Hilfe? Zusammenarbeit? Fehlanzeige! Ein Umstand, der den Deutschen nur in die Hände spielte.
Die zweite Tatsache erweist sich im ersten Moment eher als für die Deutschen wenig günstig, nämlich die Rückzugspläne des kommandierenden Generalsoberst der 8. Deutschen Armee, von Prittwitz bis hinter die Weichsel. Dieses Vorhaben blieb den Russen natürlich nicht verborgen und ihre weitere Planung beruhte eben auf der Annahme, die Deutschen zögen sich zurück. Was wiederum sich für die Deutschen als Günstig erwies.
Vom 19. bis 20. August 1914 schlug er bei Gumbinnen eine Schlacht gegen die Njemanarmee, die er im Grunde grundlos abbrach und darauf verfiel, sich hinter die Weichsel zurück zu ziehen und die Verteidigung dort auf die Festungen gestützt fortzusetzen. Für den äußersten Notfall war ein solcher Rückzug auch vorgesehen aber in Koblenz, Sitz der Obersten Heeresleitung sah man diesen "äußersten Notfall" noch nicht gekommen.
Dieses Ansinnen von Prittwitzes wurde von der deutschen 1. Obersten Heeresleitung*** abgelehnt und er abgesetzt. Die Militärhierarchie sah damals wie heute an der Armeespitze einen Oberkommandierenden und seinen Stabschef vor. Den Stabschef fand man gleich, nämlich Ludendorff, den "Helden von Lüttich" und auch der Oberbefehlshaber in Gestalt des schon längst pensionierten von Hindenburg, der sich einerseits zu seiner Wiederverwendung förmlich aufdrängte und sich gleichzeitig durch seine zurückhaltende Art für diesen Posten empfahl. Er sollte Ludendorff freie Hand in seinen Entscheidungen lassen und nur als Galionsfigur alles abnicken was dieser ihm vorschlug!
Die Russen bekamen von diesem Wechsel an der Spitze der Militärführung der 8. Armee nichts mit, wie sie anscheinend sowieso nicht viel von dem mit bekamen, was sich vor ihrer Front so alles abspielte. Sie verfügten über eine relativ starke Luftflotte und starke Kavallerieeinheiten. Alles Truppen, die sich hervorragend zur Aufklärung eigneten aber nichts dergleichen geschah. Man vermutete die Deutschen nach der Schlacht bei Gumbinnen noch immer im Raum, südlich von Königsberg und wollte deren Rückzug hinter die Weichsel verhindern.
Inzwischen war klar, dass die Oberste Heeresleitung einen Rückzug hinter die Weichsel nicht gestatten würde. Deshalb arbeitete der Nochstabschef der 8. Armee, Max Hoffmann, einen Angriffsplan aus, der genau den Vorstellungen Ludendorffs entsprach aber eben nicht von ihm stammte. Auch später noch sollte Hoffmann Ludendorff militärisch zur Hand gehen.
Somit setzten sich Hindenburg und Ludendorff quasi ins "gemachte Nest" und ließen den Dingen ihren Lauf. Hindenburg sowieso, der auch zu Kriegszeiten auf sein Mittagsschläfchen nicht verzichten wollte. Allerdings nahmen manche Dinge eben nicht den Lauf, den sich vor allem Ludendorff wünschte. Einer seiner Befehlshaber Hermann Karl Bruno von François**** kommandierender General das I. Armee-Korps (Königsberg) hatte seine eigenen Vorstellungen und erst nachdem Hindenburg, von Ludendorff gedrängt, er selbst und Hoffmann bei von François in dessen Hauptquartier vorstellig wurden. Befolgte er den Angriffsbefehl halbherzig (25. August 1914 auf Usdau).
Vordergründig wollte er noch auf die Artillerie und die Vollzähligkeit seiner Truppen warten. Tatsächlich aber ging es ihm darum, Samsonow und seine Armee weiter vorrücken zu lassen um HINTER ihnen dann die Tür zuzuschlagen. Angeblich wurde er bei diesem Vorhaben von Hoffmann stillschweigend unterstützt. Still und Schweigend war auch Hindenburg die ganze Zeit und richtete an von François als dessen Oberbefehlshaber kein Wort. Das Reden und Befehlen überließ er Ludendorff.
Der Angriff des 1. Korps am nächsten Tag gab von François dann recht! Erleichtert wurde das Ganze auch noch dadurch, dass die Deutschen einen Funkspruch, wie überhaupt fast ALLE Funksprüche der Russen, im Klartext von den beiden russischen Oberbefehlshabern abfingen, gerade so als seine sie an sie gerichtet, in denen im Klartext deren Vorgehen für den nächsten Tag bis ins Kleinste beschrieben wurde. Dieser einmalige Glücksfall erlaubte es Ludendorff ALLE verfügbaren Truppen, bis auf eine aus 2 Divisionen bestehende Sicherung, gegen Samsonow zu werfen und somit eine Übermacht zu schaffen. Als Luftaufklärer unbekannte Bewegungen bei Rennenkampf entdeckten, herrschte im deutschen HQ helle Aufregung, die sich aber auch rasch wieder legte - die Würfel waren bereits gefallen.
Für den Mittag des 26. August war der Angriff festgesetzt aber einer griff wieder nicht an - von François. Dieser wartete angeblich noch immer auf seine Artillerie. Vermutlich aber eher auf einen ihm genehmen Angriffstermin und die Zeit arbeitete für ihn. Samsonow rückte immer weiter nach Westen vor und entfernte sich damit nicht nur von Rennenkampf, sondern auch noch von seinem Nachschub und es machte seine Soldaten müde.
Auch im russischen Oberkommando verkannte man die wahre Lage völlig und traf weitab der Front Entscheidungen, die letztendlich in die Katastrophe führten. Man war überzeugt, die deutschen Truppen befänden sich vor der Armee Rennenkampf auf der Flucht und Samsonow brauchte nur noch den "Sack" zuzumachen! Aber seine Soldaten waren halbverhungert und völlig erschöpft und auch das Land gab nichts mehr her um diesen Zustand zu ändern. Außerdem bemerkte Sansonow, dass ihm durchaus keine Armee auf der Flucht gegenüberstand aber seine Meldungen und Bedenken wurden weit hinter der Front einfach ignoriert - ein Umstand übrigens, der sich später bei den Deutschen unter ähnlichen Bedingungen an der Westfront wiederholen sollte! Er sollte angreifen und den "Sack" zumachen.
Rennenkampf hatte ähnliche Gedanken und beabsichtigte die Deutschen in ihrem "Rückzug" nicht unnötig zur Eile zu drängen und vielleicht doch noch hinter die Weichsel zu verschwinden und bemerke dabei nicht, dass vor seiner ganzen Armee lediglich zwei Divisionen eine hauchdünnen Verteidigungsschleier bildeten.
Am 26. August begann dann ein allgemeiner Angriff von jeden auf jeden und niemand wußte, wer wo was und warum machte. Das traf sowohl für die deutschen Truppen, um so mehr aber für die Russen zu, die sich bald in vollem Durcheinander und fast überall im Rückzug befanden. Dabei wurde sogar das Mittagsmahl ihres Oberbefehlshabers und seines britischen Gastes Major Knox unterbrochen, der als Beobachter bei Samsonow weilte. Lediglich von François wartete noch immer.... Erst am 27. morgens um vier Uhr, noch vor Tagesanbruch, eröffnete seine Artillerie ein vernichtendes Feuer auf die Russen.
Am 28. schließlich griff von François erneut mit voller Wucht an und ignorierte neuerlich einen Befehl Ludendorffs, der seinen Angriff in eine andere Richtung lenken wollte. Doch wieder blieb von François stuhr und wieder behielt er recht. Durch sein Vorgehen wurde die Armee Samsonow vollkommen eingeschlossen und in der Folge vernichtet. Ludendorff ließ seinen Befehl an von François, die Angriffsrichtung zu ändern, nachträglich revidieren, so als habe er dessen Vorgehen befohlen oder doch zumindest gut geheißen.
Die letzten Gefechte fanden am 30. August statt, als die Reste XIII. russischen Korps mit vier deutschen Beutekanonen erbitterten Widerstand leisteten, bis sie alle Munition verschossen hatten und die Reste aller Korps unter General Artomonow (I. Korps) in Stärke einer Division gegen Neidenburg angriffen und die Stadt eroberten. Die Stadt hatte während der Kämpfe vier mal den Besitzer gewechselt. Samsonow, der Oberbefehlshaber war aber zu diesem Zeitpunkt schon tot! Er erschoss sich am 30. August 1914 im Wald bei Willenberg.
Insgesamt dauerte die Schlacht 3 Tage und es war ein unbeschreibliches Gemetzel und durcheinander, in dem sich auch der einzelne russische Soldat durchaus bewehrte. 300.000 Menschen schossen, stachen und schlugen aufeinander ein. Die Schlacht bei Tannenberg war übrigens die einzige während des ganzen Krieges, die den Namen Vernichtungsschlacht verdient. Aber während dieser Zeit geschah noch etwas viel wichtigeres, dass nach Meinung mancher Historiker den ganzen Krieg entschied; Besorgt über die militärische Entwicklung in Ostpreußen entschloss sich die Oberste Heeresleitung zwei Korps von der Westfront in den Osten zu verlegen. Für die Schlacht bei Tannenberg kamen sie zu spät aber noch rechtzeitig für die bei den Masurischen Seen - im Westen aber fehlten sie.......
Hoffmann gab nach der Schlacht bei der Besichtigung des Schlachtfeldes durch Besucher, folgende Worte von sich: "Hier hat der Feldmarschall vor der Schlacht geschlafen, hier hat er nach der Schlacht geschlafen, hier hat er während der Schlacht geschlafen."



* Tannenberg war schon 1410 Austragungsort einer großen Schlacht. Damals besiegte ein vereinigtes polnisch- littauisches Heer das Heer des Kreuzritterordens. Diese Schlacht nennt man auch Schlacht bei Grunwald nach dem polnischen Grunwaldem.
** Maximilian „Max“ Wilhelm Gustav Moritz von Prittwitz und Gaffron - 27. November 1848 in Bernstadt; † 29. März 1917 in Berlin.
*** Es gab deren drei!
**** Hermann Karl Bruno von François - 31. Januar 1856 in Luxemburg; † 15. Mai 1933 in Berlin-Lichterfelde.

Quellennachweis: "August 1914", Barbara Tuchmann, Fischer Taschenbuch.

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