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 Allgemeines zu den Kriegsereignissen
Waldi44 Offline




Beiträge: 504

20.01.2011 15:59
RE: Deutsch Kriegsgefangene in sowjetischem Gewahrsam antworten

Deutsch Kriegsgefangene in sowjetischem Gewahrsam.
Ich habe die Absicht auch einen Beitrag über russische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam zu schreiben und von der Chronologie wäre es auch richtig. Da ich aber unsere ach so patriotisch gesinnten Zeitgenossen kenne und ihren Hang deutsche Vorgehensweisen stets durch den Hinweis auf „die Anderen“ zu legitimieren, fange ich diesmal eben mit den „Anderen“ an - soll heissen mit den deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Da sich die Bedingungen der Gefangennahme und die Bedingungen der Gefangenschaft grundsätzlich von denen an der Westfront bzw. bei den westlichen Alliierten unterschieden, ziehe ich möglichst wenige Vergleiche, da sie kaum vergleichbar sind. Ebenso unvergleichbar sind die Bedingungen und Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern.
Kommt die Rede auf die deutschen Kriegsgefangenen, so wird sofort an Sibirien und dem berüchtigtem Workuta gedacht. Workuta war wohl eines der härtesten und somit berüchtigsten Lager überhaupt aber bei weitem nicht das einzige.
Das Lager gab es schon als Gulag lange vor dem Krieg, die Stadt Workuta aber erbauten deutsche Kriegsgefangene, die anschliessend oder zeitgleich in den Kohlebergwerken arbeiten mussten.
Workuta und einige andere Lager lassen sich durchaus als „Todeslager“ bezeichnen. Dort starben Russen, Deutsche und Angehörige anderer Nationalitäten. Dennoch war der Tod der Insassen nicht Programm, sondern wurde billigend in Kauf genommen.
Worin unterschieden sich die Gefangenen in Workuta und ähnlichen Lagern von der Masse der Kriegsgefangenen? Nun, dort waren „Kriegsverbrecher“ und russische "Konterrevolu-tionäre“ inhaftiert, später sogar Zivilisten aus der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone - die spätere DDR).
Insgesamt durchliefen über 2 mio Menschen dieses Lager, dass viele tausend nicht mehr lebend verliessen. Angemerkt sei noch, dass die letzten deutschen Kriegsgefangenen 1956 dieses Lager verliessen aber viele Kollaborateure die bei den Deutschen gedient hatten oder Zivilangestellte waren, dort und in anderen Lagern noch viele Jahre ausharren mussten oder starben.
Verlassen wir Workuta und den kalten Polarkreis und widmen uns wieder den Kriegsgefangenen allgemein.
Bei den deutschen Kriegsgefangenen muss man so meine ich, zwei Kategorien unterscheiden.
Erstens diejenigen, die zu Kriegsbeginn in Gefangenschaft gerieten und jene, die ab Stalingrad den bitteren Weg in die Gefangenschaft antreten mussten. Womöglich kann man noch eine dritte Gruppe hinzufügen, nämlich jene, die kurz vor Kriegsende in die Gefangenschaft kamen.
Bleiben wir aber bei den beiden erstgenannten Gruppen.
Viele deutsche Krieggefangene die zu Kriegsbeginn in Gefangenschaft gerieten, allzuviele waren es nicht, überlebten ihre Gefangennahme nicht oder nicht lange. Das hatte mehrere Ursachen:
Die Rote Armee war geschlagen und befand sich in Auflösung. Recht und Ordnung konnten
vielerorts nicht mehr aufrechterhalten werden und meistens wurden Gefangene, so sie doch gemacht wurden, als Ballast auf der Flucht empfunden, dessen man sich möglichst rasch entledigen wollte.
Natürlich spielten auch Rachegefühle und persönliche Ambitionen eine Rolle. Nicht zu vergessen der am 6. Juni 1941 erlassene Kommissarbefehl. Er bewirkte nämlich zweierlei, erstes, dass Rotarmisten unter der direkten Führung eine Kommissares erbitterten Widerstand
leistete, nicht um ihren Kommissar zu beschützen, sondern weil die Russen ja nicht feige, sondern durch den deutschen Angriff überrascht worden waren und ihre militärische
Führung im wahrsten Sinne des Wortes kopflos geworden war (stalinistische Säuberungen) und dort, wo sich eine starke Führung zeigte, wurde auch tapfer gekämpft. Diese „starke Führung" war der Kommisar!
Sicher wird nun der eine oder andere sagen: Klar, weil der Kommissar mit der Pistole hinter ihnen stand. Nunja....Jedenfalls hatte der Kommissar nach Bekanntwerden des Kommissarbefehls nichts mehr zu verlieren und weil dem so war, wurden viele deutsche Gefangene, als Punkt zwei der Folgen des Kommissarbefehls, erschossen - nach dem Motto: Ihr wolltet mich erschiessen, dafür erschiesse ich euch jetzt!
Tatsächlich grosse Massen an deutschen Kriegsgefangenen machten die Russen erst nach Stalingrad und das waren über 91.000* Mann (Deutsche, Rumänen und Kroaten). Von diesen überlebteben nur 6.000*. Die blanke Zahlen alleine werfen natürlich Fragen auf. Warum überlebten nur so wenige? Nun, unsere patriotisch gesinnten Leser kennen die Antwort, den anderen möchte ich die politisch korrekte Version präsentieren, von ihnen komischerweise so gern auf englisch zitierte „Political Correctness“.
Die Soldaten waren wochenlang unter elendsten Bedingungen eingekesselt. Viele waren krank und/oder verwundet oder beides, unterernährt, ausser sie trugen Generalstressen waren sie alle. Es gab angeblich sogar Fälle von Kannibalismus...
Eigentlich waren die Überlebenden alle ein Fall für das Sanatorium aber das erwartete sie nun beileibe nicht. Vielen erging es wie später tausenden KZ Häftlingen, die nach ihrer Befreiung noch starben obwohl ihnen Hilfe zuteil wurde. Auch den deutschen Gefangenen wurde Hilfe zuteil, so wie man Hilfe leisten kann, wenn man selber nichts hat. Es kam auch vor, dass vorhandene Hilfsgüter den deutschen Gefangenen verweigert oder entzogen wurden. Aber das war nicht Programm wie von manchen oft und gern unermüdlich wiederholt wird. Dadurch wird es aber auch nicht wahrer!
Bei Carell habe ich dazu eine interessante Passage gefunden, in der ein Deutscher seine Gefangennahme beschrieb, bei der neben der berühmten „Uri" auch sein letzter harter Brotrest von den Rotarmisten gestohlen wurde, was darauf schliessen lässt, dass sie selber nichts zu essen hatten.
Natürlich gab es auch Fälle von Willkür und Inkompetenz und wenn man den Schilderungen Glauben schenken darf und man darf, da sie auch von russischer Seite bestätigt wurden, wurden so manchem Landser die warmen Stiefel oder Winterjacken weggenommen oft nur deswegen, weil sie zuvor einem toten Russen abgenommen worden waren. Damit sanken die Überlebenschancen natürlich gegen Null und kam man an einen Deutschenhassen, dann auch!
„Deutschenhasser“ gab es damals viele angesichts dessen, was manch einer bisher erdulden musste und dabei hatte er noch nicht einmal gesehen, was sich jenseits der Front abspielte...
Im Übrigen tat die Witterung ihr Übriges - bitterkalter Winter mit zweistelligen Kältegraden unter Null - „General Winter“ war auch den besiegten deutschen Soldaten grimmig und „Väterchen Frost“ tötete so manchen!
Besonders schlimm erging es jenen Gefangenen, die zB. von jugoslawischen Partisanen oder Partinsanen allgemein gefangen wurden. Folter und Tod waren vielen gewiss und gerade die Jugoslawen verübten an deutschen Kriegsgefangenen grosse Verbrechen um ihre eigenen am eigenen Volk bzw. den Völkern des neuen Vielvölkerstaates zu vertuschen. Hier, wie auch in der Sowjetunion beendeten erst konkrete und ernsthafte Massnahmen der jungen Bundesrepublik ihr Leiden.
Widersprüchlich sind die Angaben über das Verhalten der deutschen Gefangenen untereinander. Während die einen die kameradschaft untereinander lobten, behaupteten andere, dass sie in den Lagern zerfiel. Fakt ist, es gab in allen Lagern und in allen Gewahrsamsstaaten viele deutsche Handlanger ohne die der Lagerbetrieb nicht nur nicht funktioniert hätte, sondern die sich auch tatkräftig an der Entlarvung der „Kriegsverbrecher“ beteiligten. Dabei schreckten sie weder vor Denunziation, noch Verleumdung und sogar von aktiver Teilnahme an Folterungen nicht zurück.
Das ist nun aber keine spezifisch deutsche Erscheinung, sondern war und ist in allen solchen und ähnlichen Lagern zu jeder Zeit und überall auf der Welt der Fall. Wenig Handlanger sollen sich unter den zumeist in eigenen Lagern untergebrachten SS Leuten gefunden haben.
Nicht wenige Gefangene, darunter auch höchste Offiziere betätigten sich auf Geheiss der Sowjets auch politisch- antifaschistisch natürlich. Neben einer besseren behandlung und Aussicht auf vorzeitige Entlassung mag bei einigen auch tatsächlich ein Gesinnungswandel der Grund gewesen sein, sich dem NKFD anzuschliessen, dem auch kommunistische deutschen Emigranten angehörten (zB. die Gruppe Ulbricht).
Daneben gab es noch kurzzeitig den Bund Deutscher Offiziere (BDO), der aber schon bald nach seiner Gründung dem NKFD angeschlossen aber offiziell noch bis 1945 existierte. Die wohl bekanntesten Mitglieder waren Generalfeldmarschall Paulus sowie General Seydlitz, dem Begründer bzw. Befehlshaber der „Seydlitz-Armee“.
Daneben wurde auch „grosse Nachkriegspolitik“ betrieben. In den Nachkriegsjahren und den ersten deutschen Wahlen wurden die deutschen Kriegsgefangenen, deren Angehörige in der SBZ wohnten aufgefordert, ihren Angehörigen die neue Staatsform schmackhaft zu machen und damit zu locken, falls mit der avisierten DDR die SED einen sozialistischen Staat gründen würde, ihrer Entlassung nichts mehr im Wege stehen würde. Eine kaum bekannte Tatsache!
Doch kehren wir noch einmal zurück.
Neben der Kälte in den nördlichen oder sibirischen Lagern, den Schikanen der Wachmannschaften, der Lagerleitung oder den eigenen „Kameraden“, blieb vielen der Hunger in Erinnerung.
Genaue und vorurteilsfreie Recherchen, auch die der später eingesetzten Bundesforschungskommission (klar, politisch korrekt, daher unglaubwürdig), ergaben, dass in sehr vielen Fällen schlichtweg die Umstände als solche an der schlechten Ernährung schuld waren.
Heimkehrer berichteten, das sie mit ihrer Lagerwache auf Jagd gingen um Wild zu schiessen und andere wieder, dass sie im Lager mitunter besser verpflegt wurden als die Einheimischen. Allerdings hatten diese den Vorteil sich anderweitig zusätzlich Nahrungsmittel beschaffen zu können, so es denn was zu beschaffen gab!
Arbeit war in den Lagern Pflicht und wurde offiziell nach den in der sowjetunion allgemein gültigen Arbeitszeitvorschrifeten durchgeführt. Es galt der Achtstundentag und es gab nur wenige Ausnahmen davon.

Fünf Kategorien wurden unterschieden:
Kategorie I und II – uneingeschränkt arbeitsfähig
Kategorie III – bedingt arbeitsfähig
Kategorie OK** – leichtere Arbeit, bis zu vier Stunden täglich, Genesende
Kategorie Dystrophie*** – arbeitsunfähig, bettlägerig.

**Оsdorowitelnaja Кommanda (Genesungs-/Genesenden-Kommando)
***Eine Dystrophie geht dann meist mit Funktionseinschränkungen beziehungsweise Funktionsstörungen der betroffenen Körperregionen einher.

Die offizielle Verpflegungsnorm lag im August 1942 bei 400g Schwarzbrot, 100g Gries, 100g Fisch, 20g Zucker, 500g Gemüse und Kartoffeln. Diese „offizielle Verpflegungsnorm“ wurde oftmals nicht eingehalten. Die Gründe dafür waren vielschichtig und reichten von schlichter Nahrungsmittelknappheit bis zu Schlendrian und Korruption. Die Leidtragenden waren die Gefangenen.
Auch konnte die starre Planwirtschaft nicht mit den starken Schwankungen bei Neuzugängen nach grossen Schlachten umgehen, so dass diese „offizielle Verpflegungsnorm“ teilweise nur als auf dem Papier vorhanden betrachtet werden kann.
Immerhin bemühten sich die Sowjets diese Norm doch weitestgehend einzuhalten und durch Aufstockungen die Arbeitsbereitschaft der deutschen Gefangenen zu steigern, denn das war das Hauptanliegen: Arbeit, Arbeit, Arbeit......
Daher passen die Schauprozesse, von den Sowjets Kriegsverbrecherprozesse genannt, nicht ganz ins Bild. Schon damals bekanntlich und heute zugegebenerweise Bewiesen, waren die meisten Urteile erlogen, die „Geständnisse“ oft durch Folter oder falsche Versprechungen erpresst worden. Neben einigen tatsächlichen Kriegsverbrechern wurde viele im Sinne der Anklage Unschuldige zum Tode aber wichtiger noch zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Wichtiger für die Sowjets, die sich auf diese Weise ein Faustpfand in den anstehenden Verhandlungen mit Westdeutschland verschafften....

* Zahlenangaben schwanken je nach Quelle

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